BELARUSISCH MIT EINEM 'S': RICHTIG UND WICHTIG


Nach ihrem Treffen mit Angela Merkel im Oktober 2020 erzählte Swetlana Tichanowskaja, dass sich die Bundeskanzlerin gleich am Anfang des Gesprächs nach der Ähnlichkeit des Belarusischen und des Russischen erkundigte. Klar, war das eine Art diplomatischer Smalltalk-Eisbrecher. Aber sind wir nicht auch schon alle mal danach gefragt worden?.. "Ist das denn eine Sprache oder ein Dialekt?" – "Es ist eine eigenständige Sprache". – "Unterscheidet sie sich denn sehr vom Russischen?" – "Ja, so in etwa wie Deutsch vom Holländischen", greift man dann in die alltagslinguistische Werkzeugkiste. – "Aja!.. Schon ein Unterschied!" Man kommt nämlich nicht auf den Gedanken, den zwei verwandten germanischen Sprachen ihre Distanz voneinander anzuzweifeln. Beim Belarusischen wird aber der Name zum Anlass, seine sprachliche Souveränität nachfragen zu wollen.


Nach August 2020 wird Belarus in der deutschsprachigen Medienlandschaft vorwiegend mit seinem eigentlichen Namen und nicht in der sonst gewohnten Übersetzung 'Weißrussland' präsent, welche bei einem Nichtkundigen den irritierenden Eindruck erweckt, das Land sei so etwas wie ein pigmentierter Teil Russlands, was auch immer das heißen möge.


Während sich die korrekte Landesbezeichnung einigermaßen durchzusetzen scheint, ist man beim Adjektiv 'belarusisch' und den Substantiven 'Belaruse/Belarusin' häufig immer noch auf der vertrauten Schiene, indem man das Schreiben von Doppel-s beibehält, sich dabei auf die ähnlich klingenden Lexeme 'russisch', 'Russe/Russin' stützend. Linguistisch ist es jedoch nicht begründet, denn bei derartigen Ableitungen von Ländernamen handelt es sich in der deutschen Sprache um die Wortbildungsart Suffigierung, bei der an die Wurzel eines Wortes (den nicht weiter zerlegbaren Wortkern) Suffixe angehängt werden, wie z.B. der Adjektivsuffix '-isch': italien-isch, holländ-isch oder auch belarus-isch. Analog verhält es sich mit Ableitungen 'Belarus-e/Belarus-in'.


Natürlich mag dieses Wortbild auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, zumal auch der DUDEN immer noch die Variante mit dem Doppel-s vorschreibt. Hier sollte man jedoch bedenken, dass eine Sprachnorm nicht etwas Vorgegebenes und Rigides ist, sondern sie ist das Abbild eines Entwicklungsprozesses zu einem bestimmten Punkt der Sprachgeschichte. Sie resultiert aus den Realien der sprachlichen Praxis und passt sich dynamisch daran an. Das Doppel-s in den Wörtern wie 'belaruSSisch' etablierte sich in der deutschen Sprache als Norm noch bevor es die souveräne Republik Belarus gab. Die Schreibweise wurde dabei in Analogie zu 'russisch', einer Transliteration des Adjektivs 'русский' festgelegt, wo das zweifache 's' morphematisch (wortbaumäßig) gerechtfertigt ist, denn das erste 's' gehört zur Wortwurzel, und das zweite zum russischen Adjektivsuffix 'sk'. Zudem trug eine breite Verwendung des Russischen in Belarus dazu bei, dass auch im Landesinneren das russischsprachige Lingvonym 'белоруССкий' verwendet wurde, was – wiederum als eine Grundlage zur Transliteration – das Doppel-s in der deutschsprachigen Norm begünstigte. Heutzutage besteht jedoch für das zweifache 's' in den Wörtern wie 'belarusisch' kein linguistischer Grund mehr.


Die neue Schreibweise bringt naturgemäß eine Änderung der bereits eintradierten Aussprache, nämlich ein langes [u:] und ein stimmhaftes [z] mit sich: [belaru:zisch]. Diese artikulatorisch-akustische Abweichung vom gewohnten Usus erscheint am schwierigsten und wird häufig als Argument hervorgebracht, doch nicht zu der eigentlich korrekten Variante zu wechseln. Immerhin geht es hier also rein um einen gewissen Unwillen, an Stereotypen zu rütteln.


Dabei sind die Bemühungen um die Popularisierung des einfachen 's' nicht bloß eine fachspezifische Haarspalterei: Die Verwendung dieser Variante ist nicht nur linguistisch richtig, sondern auch wichtig. Denn spätestens nach den politischen Ereignissen in Belarus seit August 2020 wäre es an der Zeit, der Assoziierung des Landes als ein Teil Russlands sprachlich entgegenzuwirken und so die Wahrnehmung seines souveränen Status zu stärken. Außerdem wäre doch eine kleine Transformation des gewohnten Sprachgebrauchs vor dem Hintergrund gravierender Transformationen, die das Belarus selbst gerade erlebt, nicht nur korrekt und relativ mühelos, sondern auch ein Ausdruck von solidarischer Haltung zum Land, das gerade um Demokratie, Freiheit und Souveränität ringt.


Und auch wenn man vorher als Autor(in) von Texten noch zuweilen Kompromisse eingehen und – nicht zuletzt zu verlegerischen Marketingzwecken – die mehr verbreitete dudenkonforme Schreibweise mit dem Doppel-s wählen musste, so hat man jetzt mit dem Erscheinen von Empfehlungen der Belarusisch-Deutschen Geschichtskommission zur Schreibweise von Belarus in deutschsprachigen Texten (https://geschichte-historyja.org/.../200715...) im Juli 2020 eine gewichtige argumentative Grundlage, die korrekte Variante nun zu etablieren und zu verbreiten.


Dr. Natallia Savitskaya

Justus-Liebig-Universität Gießen

Institut für Slavistik


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